Ein packender Vortrag im Rahmen des Projekts „Schule ohne Rassismus“.

„Lieber seltsame Freunde, als gar keine Freunde“ - Aussteiger berichtet über Einstieg in die rechte Szene

Mai 2019

„Lieber seltsame Freunde, als gar keine Freunde“

Aussteiger berichtet über Einstieg in die rechte Szene 

Am vergangenen Dienstag wurde im Rahmen des Projektes „Schule ohne Rassismus“  unter der Federführung der SV-Lehrer Beate Gante und Frank Stoos ein Aussteiger aus der gewaltbereiten rechten Szene zu einer Diskussion eingeladen. Die etwa 100 Schülerinnen und Schüler konnten jederzeit alle Fragen stellen, die größtenteils mit einer ungeschönten Ehrlichkeit beantwortet wurden.

In einer chronologischen Reihenfolge wurde geschildert, wie sich der einst 12 –jährige Junge Sascha (Name geändert), eher ein friedlicher, aber oft schikanierter Außenseiter langsam zu einem permanent zugedröhnten, brutalen Schläger entwickelte. 

Angefangen hat es in einem ländlichen Städtchen vor über 30 Jahren. Als jüngstes von sieben Kindern bekommt ein Junge in einer durch Schicksalsschläge gebeutelten Familie Essen und Unterkunft, aber keine Zuwendung.  Durch den schweren Unfall des sehr alten Vaters und den Tod zweier Geschwister war die Mutter überfordert. Der Junge wird in der Schule gemobbt, aber keinen interessiert es. Durch einen Zufall lernt er nachmittags die verpönten älteren „Dorfpsychos“ näher kennen, die Musik hören, Bier trinken und den Jungen aufnehmen und sich scheinbar um ihn kümmerten. „Lieber seltsame Freunde, als gar keine Freunde.“

Das war der Startschuss in ein völlig anderes Leben und eine andere Rolle. Seine neuen, teilweise zehn Jahre älteren Freunde sorgten dafür, dass aus dem geschlagenen „Amboss“  Sascha der schlagende „Hammer“ in der Schule wurde. Die einst fiesen Mitschüler waren plötzlich verängstigt und bekamen nachmittags ein Vielfaches ihrer Taten von Sascha und seinen neuen Freunden zurückgezahlt.

Gewalt wurde zur Gewohnheit, wobei der sehr junge Sascha von den Großen oftmals wie ein Maskottchen beschützt wurde. Bei seiner ersten aktiven Gruppenschlägerei schlug Sascha eine Bierflasche auf einen Gegner, der sofort zu Boden ging, woraufhin alle anderen Gegner die Flucht ergriffen. Für diese bis dahin brutalste Aktion in seinem Leben erntete er, getragen auf den Schultern der „neuen Freunde“, die bis dahin größte Anerkennung.  Sein Ansehen stieg in der Gruppe, die sich immer mehr in der Skinheadszene entwickelte bzw. radikalisierte.

Die Wochenenden verbrachte Sascha in ganz Europa mit Saufgelagen, rechter Musik, Schlägereien, dem Üben des Schusswaffengebrauchs oder dem Bauen von Sprengsätzen.  Dabei lernte man immer neue und extremere Leute kennen. Grenzen verschoben sich und bald waren Alkohol am Morgen und Schlägereien an der Tagesordnung. Auch Gewalt gegen Frauen und Kinder war kein Problem - man stumpfte immer mehr ab. Man war ein „Herrenmensch“, der sich um das kümmert, wozu die anderen zu feige sind. Gegen „Untermenschen“ war nahezu alles erlaubt.  Trotzdem schaffte er die Schule, obwohl er Lehrer bedrohte und den Holocaust im Geschichtsunterricht leugnete. Auch eine Lehre im Handwerk bestand er, obwohl er durch seine ausgedehnten Freizeitaktivitäten wie Schlägereien bei Fußballspielen und starkem Konsum von Rauschmitteln sehr oft nicht da war. Zu seinen ausländischen Mitauszubildenden hatte er teilweise einen guten Draht, da man im Hass auf die Juden ein gemeinsames Feindbild hatte.

In der Spirale aus Gewalt und Rausch ergaben sich etliche Anzeigen gegen Sascha. Die Anzeigen verliefen allerdings im Sande, weil man z.B. auch Zeugen einschüchterte. Nach der Lehre folgten die Arbeitslosigkeit und ein weiterer Absturz. Die Lösung war die Verpflichtung zur Bundeswehr, wo seine Hobbys „Waffen“ und „Saufen“ vereint werden sollten.  An dem Tag seiner Einberufung zum Zeitsoldaten ließ er sich mit einem Kumpel volllaufen und nahm Drogen. Auf dem Heimweg wurde ein zufällig auserwählter Obdachloser in ein mehrmonatiges Koma geprügelt, was am nächsten Tag mit der Untersuchungshaft in einer JVA endete. Im Gefängnis, nüchtern und mit 85 Prozent Ausländern,  fühlte Sascha sich wieder an die frühe Schulzeit erinnert, als er das Opfer war. Das Bewusstwerden und Erkennen der erdrückenden Schuld seiner Taten führte zu einem missglückten Suizid, dann zu einem Brief an den fast tot geprügelten Obdachlosen, der ihm sogar vergab, und zum Ausstieg aus der rechten Szene.

Im Gegensatz zu dem Obdachlosen vergaben ihm seine ehemaligen „Freunde und Kammeraden“ nicht seinen Ausstieg und trachteten nach seinem Leben. Die sieben Jahre in der rechten Szene haben noch immer Auswirkungen auf ihn.  Sascha musste seitdem oft seinen Wohnort wechseln und muss noch nach über 25 Jahren in seinem täglichen Leben eher vorsichtig sein, aus Angst wieder entdeckt zu werden. Auch sein Körper und seine Psyche mussten mehrere Therapien durchlaufen und sind immer noch gezeichnet.

Abschließend verdeutlichte Sascha: „Die Mechanismen sind bei linken wie rechten Extremen ähnlich. Die Entscheidung sich darauf einzulassen trifft aber jeder letztendlich selbst.“ 

Bei der Verabschiedung des Gastredners  wies der SV-Lehrer Frank Stoos die tief beeindruckten Schülerinnen und Schüler noch einmal darauf hin, dass Radikalisierung in Europa auf dem Vormarsch ist und bei der anstehenden Europawahl auch mitbestimmt werden kann, in welchen Verhältnissen man leben möchte.

Frank Stoos